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"Mindestens 500 indigene Frauen verschwanden nach Angaben der NWAC spurlos in den letzten 20 Jahren in ganz Kanada, viele davon wahrscheinlich ermordet. Die Organisation rechnet zudem mit einer noch höheren Dunkelziffer, denn viele Frauen werden – aus unterschiedlichen Gründen – nicht einmal als vermisst gemeldet. Allein in British Columbia sind derzeit 33 Frauen offiziell als vermisst gemeldet, von denen nur eine einzige nicht indigener Abstammung ist. Die meisten Opfer verschwanden entlang des Highway 16, der sich im Nordwesten der Provinz, fast schon an der Grenze zu Alaska, von Prince Rupert ins Landesinnere zieht – als „Highway of Tears“ hat er inzwischen traurige Berühmtheit erlangt.
Helen Betty Osborne wäre vielleicht noch am Leben, wenn sie keine Indianerin gewesen wäre“, erklärte der Richter im Verfahren gegen ihre vier Vergewaltiger und Mörder, „doch ihre Peiniger glaubten, dass junge Indianerinnen nur Objekte seien, zu nichts anderem Nutze als dem reinen Lustgewinn.“ Die 19-jährige Cree-Indianerin Helen Osborne wurde 1971 von vier Weißen verschleppt, brutal vergewaltigt und ermordet (vgl. Coyote 2/04). Der Prozess gegen ihre Mörder fand erst 1987 statt, 16 Jahre nach dem Verbrechen. Nur einer der vier Männer wurde wegen Mordes verurteilt, aber bereits nach zehn Jahren auf Bewährung freigelassen, die anderen drei Täter gingen straffrei aus.
Gewalt gegen Frauen, insbesondere gegen indigene Frauen, wird häufig als soziales oder Kriminalitätsproblem betrachtet, doch die anhaltende Diskriminierung und Gewalt gegen Indigene ist keine Frage der Kriminalitätsstatistik. Vielmehr erfordert die Situation eine Neupositionierung innerhalb unserer Gesellschaft, wie ernst wir das Bekenntnis zu Menschenrechten und ihrem Schutz nehmen. Die wichtigsten internationalen Menschenrechtsvereinbarungen, soweit sie Kanada unterzeichnet hat – und das trifft auf alle außer der bereits erwähnten Konvention gegen die Diskriminierung der Frauen zu – können offensichtlich das Leben der indigenen Frauen nicht im ausreichenden Maß schützen. Daher ist es nahe liegend zu untersuchen, ob die Leerstelle im Menschenrechtsschutz nicht vielmehr im System der kanadischen Verfassung und Gesellschaft selbst zu finden ist.
Die UN-Konvention definiert Gewalt gegen Frauen u.a. als „Manifestation einer historisch ungleichen Machtverteilung zwischen Männern und Frauen hinsichtlich Reichtum, sozialem Status und Zugang zur Entscheidungsgewalt“. Hier zeigt sich in besonderem Maß das verhängnisvolle Erbe der Kolonialisierung, das den indigenen Gesellschaften des heutigen Kanada ein System der Frauendiskriminierung aufzwang, welches diesen bis dahin fremd war. In den indigenen Kulturen gab es – obschon die Rollen und Aufgaben verschieden zugewiesen waren – kein Konzept der Minderwertigkeit der Frauen, das ihnen Untertänigkeit unter die Herrschaft des Mannes abverlangte.
Ein klassisches Beispiel der extremen Unterschiede zwischen den christlichen Kolonisatoren und den indigenen Gesellschaften sind die Mohawk, die über ein äußerst komplexes und ausgewogenes Gefüge der Machtverteilung verfügten. Zwar stellten bei ihnen die Männer die Chiefs, aber diese wurden von den Frauen ausgewählt und kontrolliert. Wichtiger Faktor war hierbei zugleich die matrilinear definierte Abstammung und Clanzugehörigkeit, welche den Frauen eine wichtige Position innerhalb der Clans und hinsichtlich der eignen Autonomie garantierte. Den Frauen kam die Rolle als Hüter der Kultur zu, die über die wesentlichen Regeln des Zusammenlebens zu bestimmen hatten. Zudem nahmen sie gleichberechtigt an Spielen, Zeremonien oder politischen Entscheidungen teil. Zur gleichen Zeit konnten die Frauen im kanadischen Mutterland England weder wählen noch Verträge unterschreiben oder über eigenes Eigentum verfügen.
Auch die Kultur der Cree oder Ojibway wies den Frauen einen besonderen Rang zu, denn in ihrer Mythologie war es eine Frau (Nokomis), die durch ein Loch im Himmel auf die Erde kam, um diese zu hüten. Die Lakota verehren White Buffalo Calf Woman, die ihnen die heilige Pfeife brachte.
Die Royal Commission on Aboriginal Peoples beschrieb 1996 die kanadische Gesetzgebung, namentlich den Indian Act, als „offenen Angriff auf das Gesellschaftskonzept der indianischen Nationen und auf die individuelle Identität der Indigenen“. Durch das Vordringen der Weißen – ob als Missionare, Händler oder später Regierungsbeamte – wurde das System des indigenen Gleichgewichts der Geschlechter systematisch zerstört. Durch die politischen und ökonomischen Veränderungen übernahmen die indianischen Männer das Konzept der Überlegenheit, das den Frauen lediglich die Rolle eines vom Mann abhängigen Mündels zuwies. Bereits in der frühen Gesetzgebung wurde diese Machtverschiebung festgeschrieben und konnte erst im 20. Jahrhundert teilweise korrigiert werden.
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