Sonntag, 3. August 2014




















Im Südosten Indiens leben die Nayar, die ihr ursprüngliches Matriarchat nicht in einem relativen Rückzugsgebiet bewahren konnten wie die Khasi, sondern notgedrungen zu einem Kriegervolk wurden. Sie sind höchstwahrscheinlich ErbInnen der Industalkultur, was sich u.a. darin äußert, das sie lange Zeit keine eigenen Tempel hatten, sondern religiöse Riten in schlichten Räumen in ihren Häusern ausübten. Im Abwehrkampf gegen die eindringenden Indoeuropäer verließen sie ihre Städte am Indus und zogen mit Schiffen nach Südindien; unterwegs entwickelten sie eine Kriegerkultur. Sie siedelten an der Südwestküste und drangen später ins Land zwischen Küste und Gebirge vor. Dabei unterwarfen und versklavten sie die ansässigen Stämme, die Pulayan und die Parayan, die Ackerbau betrieben und eine ältere Form des Matriarchats aufwiesen. Nach meiner Definition ist spätestens zu diesem Zeitpunkt die Kultur der Nayar nicht mehr als matriarchal, aber auch nicht als patriarchal, sondern am ehesten als "post-matriarchal" zu bezeichnen.






Während die Hindus Indien eroberten (im 2. und 1. Jahrtausend v.u.Z.) und mit dem Hinduismus das Kastenwesen durchsetzten, gingen sie mit den wehrhaften Nayar einen einmaligen Kompromiss ein: Die Nayar übernahmen das Kastensystem und erkannten die Brahmanen als höchste Kaste an, dafür wurden sie zur zweiten Kaste ernannt und konnten in diesem Rahmen ihre spätmatriarchale Lebensform weiterführen. Auch islamische Eroberungen überstanden sie, nicht jedoch die englische: Die Nayar-Krieger wurden entwaffnet, später in englischen Stil erzogen; dann folgte die Industrialisierung des nunmehr unabhängigen Indiens. Dies alles brachte die noch verbliebenen matriarchalen Muster zum Einsturz.
In ihrer Religion steht die Muttergöttin Bhagavati oder Bahdrakali im Mittelpunkt, sie haben einen mit Wasser verbundenen Schlangenkult bewahrt, der in einem heiligen Hain innerhalb der Hausumfriedung ausgeübt wird. Für Bhagavati wurde die hinduistische Tempelform übernommen.







Die Pulayan hatten eine einfache PflanzerInnenkultur und sind bis heute matrilinear, matrilokal, haben Mädchen-Pubertätsriten, sexuelle Freiheit der Frauen, Besuchsehe und Erdbestattung (statt der hinduistischen Feuerbestattung). Durch die Eroberung und Versklavung hat das matrilineare Erbrecht bei ihnen ihre Funktion verloren. Sie verehren noch immer die Ammas, eine Mischung aus Dorfgöttinnen, Urmüttern und Ahninnen; von den Nayar übernahmen sie die Verehrung der Bhagavati.
Die Parayan verfügten vor ihrer Unterwerfung über einen hochentwickelten Ackerbau und eine den Khasi vergleichbare matriarchale Sozialordnung. Sie wurden in die Kaste der Paria, der "Unberührbaren", eingegliedert und sind daher die ärmsten und unterdrücktesten Mitglieder der indischen Gesellschaft - woran sich trotz der offiziellen Abschaffung des Kastensystems viel zu wenig geändert hat. Selbst die ebenfalls versklavten Pulayan verachteten sie. Sie durften den Blick nicht heben, da er als verunreinigend galt. Diese extreme Unterdrückung rührte wohl daher, dass sie zahlreich waren und eine hohe Kulturstufe hatten, also für die neuen Machthaber eine potentielle Gefahr darstellten.








Irene Fleiss, Als alle Menschen Schwestern waren. Weiblichkeit in matriarchalen Gesellschaften - gestern und heute