Freitag, 14. September 2012


















Sri Owen
Die indonesische Küche
110 Originalrezepte



"Von der traditionsreichen berühmten Reistafel über das Nationalgericht Gado-gado bis zum Festmahl Selamatan - die über Jahrzehnte zusammengetragenen Rezepte beruhen auf dem Wissen von Generationen und sind Sri Owens Vermächtnis an die geliebte Heimat. Gewürzküche von Java und Sumatra bis Bali und Sulawesi - einzigartig auf dem deutschen Markt."







Sri Owen: "Ich wurde 1935 in Padang Panjang geboren, einer kleinen Stadt in den Hügeln Westsumatras. Dort ist das Land der Minangkabau, jener Ethnie, der mein Vater angehörte. Die Minangkabau sind als geschickte Schachspieler und Politiker sowie generell für ihren Scharfsinn bekannt. Im Blickpunkt der Anthropologen stehen sie, weil sie zwar strenggläubige Muslime sind, ihre Gesellschaft allerdings matrilinear strukturiert ist. Bis heute gilt bei ihnen als ungeschriebenes Gesetz das adat, demzufolge das Land der Gemeinschaft gehört, der Nießbrauch eines bestimmten Areals aber von der Mutter auf die Tochter übergeht. Seine Verwaltung jedoch liegt in den Händen eines männlichen Familienmitglieds, des datuk. So hatte die Mutter meines Vaters ein lebenslanges Nutzungsrecht für mehrere Hektar erstklassiger bewässerter Reisfelder (sawah) sowie für gutes Land, auf dem sie den Anbau von Gemüse, Kaffee und zahlreichen Obstbäumen betrieb.
Ihr Ehemann hatte sich - damals war ich noch nicht geboren - eine zweite Frau genommen, ohne bei der ersten die Erlaubnis dafür einzuholen, woraufhin meine Großmutter ihn mitsamt seiner neuen Auserwählten in eine ferne Stadt verbannte.






... Bis zu meinem siebten Lebensjahr hatte ich eine glückliche Kindheit. Am liebsten hielt ich mich in den Küche meiner Großmutter auf, und nicht von ungefähr beginnt mein Buch mit einigen Rezepten aus jener Zeit. Obwohl wir relativ wohlhabend waren und, was noch entschieden mehr zählte, einen hohen Status genossen und obwohl wir ein großes Haus hatten, in dem diverse Verwandte mit uns lebten und Aufgaben im Haushalt erledigten (kein Minang würde andere oder sich selbst dadurch erniedrigen, dass er für Dienste im Haushalt zahlt oder sich dafür bezahlen lässt), war die Küche nach heutigen Maßstäben primitiv. Sie verfügte weder über Gas oder Strom noch über fließendes Wasser und befand sich, um das Brandrisiko zu verringern, außerhalb des Hauses. Soweit möglich, erfolgte die Vor- und Zubereitung der Speisen im Freien. Es gab einige Metalltöpfe - ein großer Wok aus Stahl ist mir in besonderer Erinnerung -, aber viel häufiger waren irdene Kochgefäße mit abgerundeten Boden in Gebrauch, die auf kleinen Ziegelsockeln über dem Holz- oder Holzkohlenfeuer ruhten. In dieser unprätentiösen Freiluftküche, in der man auch nicht so schnell ins Schwitzen geriet, entstanden wundervoll duftende Gerichte, die teils in dem Esszimmer serviert wurden, in meine Eltern nach europäischer Manier am Tisch von Porzellan und mit Besteck speisten, während sie auf Niederländisch Konversation betrieben. Das meiste hingegen wanderte in den großen Raum neben der Küche, wo zehn bis 20 Familienmitglieder wie auch Feldarbeiter mit gekreuzten Beinen auf einem niedrigen, mattenbedeckten Podest saßen. Sie nahmen sich selbst aus den vor ihnen platzierten Gefäßen und aßen mit den Fingern von den Tellern, die mit Bananenblättern ausgelegt waren. Im Anschluss tauschten sie sich in breitem Minang, einer der heutigen Amtssprache Bahasa Indonesia eng verwandten, allerdings sehr viel deftigeren Sprache, über die Ereignisse und Neuigkeiten des Tages aus. Es freute mich immer, mit meinen Eltern tafeln und derweil gepflegte Tischmanieren lernen zu dürfen, insgeheim aber fühlte ich mich in dem großen Raum eindeutig wohler.







Gerne erinnere ich mich auch daran, wie ich meine Großmutter auf ihren regelmäßigen Gängen über ihre Felder und durch ihre Wälder begleitete. Stets hatte sie einen großen Korb dabei, in dem sie unterwegs Kräuter und Blätter sammelte, um sie dann als Kochgewürz zu verwenden. Ich ging mit ihr zum Markt und sah ihr zu, wie sie das wenige, das sie auf ihren Ländereien nicht selbst produzieren konnte - Salz, Tee, Zucker und getrockneten Fisch - kaufte. Sie erzählte mir Geschichten, in denen sich die Grenzen zwischen Fakten und Fiktion bestimmt oft verwischten, aber immer hatten sie irgendeine Moral. Unter anderem schilderte sie mit den Verlauf eines Erdbebens, das lange Jahre vor meiner Geburt das rumah gadang, also das traditionelle Minangkabau-Haus der Familie, zerstört hatte. Damals hielt ich sie für uralt, aber heute weiß ich, dass sie etwa Mitte fünfzig war. Ihr verdanke ich meine ersten Lektionen des Lebens, wobei sie mir nicht nur die Kochkunst beibrachte, sondern auch die Liebe zu gutem Essen und die Freude an einer anregenden Unterhaltung. Ihren wertvollsten Ratschlag werde ich nie vergesssen: "Niemand kann besser für dich sorgen als du selbst".






















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