Donnerstag, 30. August 2012





























Mithu M. Sanyal
Vulva. Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts
Verlag Klaus Wagenbach 2009
Holdenhof - Mediathek










"Es ist bezeichnend, dass das Sprechen, insbesondere das öffentliche Sprechen, von Frauen in Paulus' Argumentation mit Auflehnung verknüpft war. Wurde schon im Alten Testament die Domestizierung von Frauen - wie am Beispiel der 'großen Hure' gezeigt - mit der Entwertung der Vulva erwirkt, verhandelte man auch nach dem Übergang vom Judentum zum Christentum den Raub der Stimme und Selbstbestimmung der Frau anhand der weiblichen Geschlechtsorgane. Nur wurden diese nun nicht mehr entblößt, sondern verboten oder besser noch verleugnet.
Ein beliebtes Motiv der Marienikonographie ist die Verkündigung, in der der Heilige Geist die Jungfrau in Gestalt einer Taube durch das Ohr befruchtet, in manchen Darstellungen wird dabei sogar das Jesuskind in ihr Ohr hineingeschoben. Das Fehlen - oder das Versiegeltsein - der Vulva wird mit dem Ohr kompensiert. Maria kann damit zwar (zu)hören, aber nicht (wider)sprechen. Tatsächlich ist die einzige Aussage, die sie in der Verkündigungsszene macht: "Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast." (Fußnote). Während Maria jedoch nicht widerspricht, weil sie im eigentlichen Sinne kein Genitale hat, durften Frauen von der Kanzel eben deshalb nicht sprechen, weil sie ein Genitale hatten. Paulus begründet seine Absage an die weibliche Predigt in seinem ersten Brief an Timotheus:





Eine Frau soll sich still und in aller Unterordnung belehren lassen. Dass eine Frau lehrt, erlaube ich nicht, auch nicht, dass sie über ihren Mann herrscht; sie soll sich still verhalten. Denn zuerst wurde Adam geschaffen, danach Eva. Und nicht Adam wurde verführt, sondern die Frau ließ sich verführen und übertrat das Gesetz. (Fußnote)





Abgesehen von der offensichtlichen Irritation - wie kann Eva die Verführerin des Mannes gewesen sein, wenn Adam nicht verführt ward? - wird an diesem Zitat viererlei deutlich:






- Es muß predigende Frauen gegeben haben, sonst hätte der Apostel die weibliche Predigt nicht verbieten müssen.


- Offensichtlich hatten diese Frauen auch etwas von Gehalt mitzuteilen, schließlich lehrten sie nach seinen Worten.


- Weibliches Lehren war Paulus' Auffassung nach eng mit dem Apfel/der Vulva der Erkenntnis verbunden.


- und durch diesen/diese seien nicht nur Eva, sondern alle Frauen potentielle Gesetzesverbrecherinnen, gefährdeten somit die vom Christentum gerade etablierte Ordnung.







Um Paulus' Forderung durchzusetzen, mussten zuerst alle Indizien für sprechende, das heißt in einem kulturellen Sinne kommunizierende Frauen vernichtet werden. Denn es gab ja durchaus Beispiele für predigende Frauen in der Frühzeit des Christentums, wie etwa die Heiligen Umiltà und Cäcilia und die gelehrte Katharina von Alexandrien. Außerdem sind Abbildungen der predigenden Junia und einer predigenden Ursula erhalten sowie Überlieferungen, nach denen Martha, die Schwester der Maria von Bethanien, Teil an der Missionierung Südfrankreichs gehabt hatte und 'gar wohlredend' (Fußnote) gewesen war. Paulus selbst bezeichnete Junia als angesehene Apostelin (Fußnote), was die Kirche damit ausglich, dass sie an Junia eine Geschlechtsumwandlung vornahm und aus ihr im Laufe der Überlieferung den Apostel Junian machte. (Fußnote)
Die bedeutendste predigende Frau ist jedoch unbestreitbar die Apostelin der Apostel: Maria Magadalena. Im überlieferten Bild Maria Magdalenas vermischen sich mindestens drei biblische Figuren. Zum einen gibt es die von Jesus bekehrte Sünderin, die schweigend seine Füße mit ihren Tränen wäscht, sowie Maria von Bethanien, die dasselbe tut, zum anderen die sprechende Apostelin und Missionarin, aus der Jesus sieben Dämonen austrieb, die nicht zufällig an die sieben Schleier erinnern, die Ishtar auf dem Weg in die Unterwelt - zu sich selbst - ablegte ... Erst 1969 gab die Kirche zu, dass Maria Magdalena keine Prostituierte war."






















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