Donnerstag, 30. August 2012



















Gegen den Widerstand strenggläubiger Juden ist in Palästina eine rege Ausgrabungstätigkeit im Gang. Man müsse dem heiligen Boden die gebührende Ruhe lassen, argumentieren die Rabbiner.
Sie, die ihre Bibel am besten kennen, werden sehr wohl wissen, was die heilige Erde birgt: Den Beweis der matriarchalen Traditionen des jüdischen Volkes.
Wenn Steine zu sprechen beginnen, könnte tief Verdrängtes in der jüdischen Seele wieder ins Bewußtsein gehoben werden.
Das geht nicht nur Juden an, sondern die gesamte abendländische Kultur, die in einer gewaltigen Transplantation der biblischen Überlieferung aufgepropft worden ist.
Yigal Schilohs jüngste Ausgrabungen unterhalb des Salomonischen Tempels in Jerusalem haben Statuetten der Anat und Aserat zutage gefördert. Aber wir wissen bereits aus der Bibel, daß die Himmelskönigin noch zur Zeit des babylonischen Großreiches Nebukadnezar in Jerusalem verehrt worden ist.
Als Jeremia, der Prophet Jahwes, das jüdische Volk zur Anbetung seines Gottes zwingen will ...









"Da antworteten dem Jeremia alle Männer, die da wohl wußten, daß ihre Weiber anderen Götter räucherten, und alle Weiber, die in großen Haufen dastanden, samt allem Volk, die in Ägyptenland wohnten und in Pathros, und sprachen:
Nach dem Wort, das du im Namen des Herrn uns sagtest,
wollen wir dir nicht gehorchen;
sondern wollen tun nach allem dem Wort,
das aus unserem Mund geht,
und wollen der Himmelskönigin räuchern
und ihr Trankopfer darbringen
wie unsere Väter und Fürsten getan haben in den Städten Judas
und auf den Gassen zu Jerusalem.
Da hatten wir auch Brot genug; es ging uns wohl,
und wir sahen kein Unglück.
Seit der Zeit aber,
daß wir haben abgelassen,
der Himmelskönigin zu räuchern und ihr Trankopfer zu opfern,
haben wir allen Mangel gelitten
und sind durch Schwert und Hunger umgekommen.










Die Jahwe-Priester bekämpfen den Kult der Anat, verbrennen die Bilder der Aserat, fordern die abstrakte, die unanschauliche Gottesverehrung.








"Du sollst dir kein Bildnis
noch irgendein Gleichnis machen,
weder des, das oben im Himmel,
noch des, das unten auf Erden,
oder des, das im Wasser unter der Erde ist.
Bete sie nicht an
und diene ihnen nicht!










Warum bekämpft der Vatergott die farbige Sinnenwelt anschaulicher Bilder?
Einst war das Symbol Fundament des Glaubens. In den Bildern der Natur erfuhren die Menschen den Sinn des Daseins. Die Anschaulichkeit des Symbols gab dem Göttlichen seine Bestätigung und seine Würde. Der Mensch war noch ganz ge-Bild-et. Er lebte in Übereinstimmung mit seinen Symbolen.
Die patriarchalen Schöpfungsvorstellungen kranken an der Parodoxie des Symbols. Der Vater kann den Sohn nicht gebären. "Er kommt aus des Vaters Schoß!" läßt sich predigen, singen und sagen. Bildlich darstellen läßt es sich nicht.
Deshalb zieht sich der patriarchale Schöpfungsbericht auf das Wort zurück:
Am Anfang war das Wort!
Sind Worte nicht - von Anfang an - der Aufstand gegen das Bild gewesen? Die Revolution des Abstraktum gegen das anschauliche Symbol?
Wie mit einer Beschwörungsformel wird die Verlesung jeden Bibeltextes von der Kanzel mit den Worten eingeleitet:
"Es steht geschrieben!".
Als könne keine Gewalt der Erde das Wort umstoßen, das Beweiskraft habe, weil es geschrieben steht. Selbst das Unglaubliche läßt sich in Worte fassen:
Adam gebiert aus der Rippe.
Die Mutter alles Lebendigen, die Seele des Alls, wird zum Geschöpf.
Die Herrin des Himmels wird zur Gehilfin des Mannes.










Gerda Weiler
Ich verwerfe im Lande die Kriege.
Das verborgene Matriarchat im Alten Testament








Ein Zitat von Gerda Weiler aus ihrem Buch "Das Matriarchat im alten Israel" von 1989, einer überarbeiteten Version von "Ich verwerfe im Lande die Kriege. Das verborgene Matriarchat im Alten Testament":








"Seit im Jahre 1986 der Vorwurf des Antijudaismus gegen die feministische Theologie erhoben worden ist, habe ich mich mit dem Phänomen judenfeindlicher Tendenzen in unserer Kultur auseinandergesetzt. Das Ergebnis meiner Arbeit ist, daß ich für antijudaistische Tendenzen im christlich-abendländischen Bewußtsein sensibel geworden bin. Um dies an einem Beispiel deutlich zu machen: Ich kann nicht mehr vom "Alten Testament" sprechen, seit mir bewußt ist, daß wir mit diesem Begriff ein Buch lebendigen Glaubens abwerten. Jahrhundertelang hat das Christentum im "Alten Testament" das Dokument eines Glaubens gesehen, der von der Theologie des "Neuen Testaments" überholt worden sei. Des weiteren hat sich die christliche Theologie Texte der hebräischen Bibel angeeignet, die sie als Weissagung auf das Kommen Jesu auslegt.
Antijudaismus krankt an den gleichen kollektivpsychologischen Symptomen wie Sexismus und Rassismus. Er neigt dazu, den eigenen verdrängten Schatten an anderen Menschen wahrzunehmen. Dabei spiegelt sich die unbewußte Angst vor den Dunkelseiten der eigenen Seele in der uneingestandenen Angst vor dem Unbekannten in der Welt. Was Angst verursacht, wird als das sogenannte Böse auf die Frau, den Fremden oder "die Juden" projiziert. Das entlastet die Psyche und stabilisiert die Überzeugung von der eigenen Großartigkeit.







Die Selbstüberschätzung des Mannes und die Diskriminierung der Frau sind sexistische Phänomene, wie Nationalstolz und patriotische Selbstüberschätzung bei gleichzeitiger Abwertung anderer Völker Erscheinungsweisen des Rassismus sind. Christlicher Antijudaismus folgt sexistischen Motiven, weil sich der Christ mit Attributen patriarchaler Männlichkeit schmückt - mit Sonne, Sieg, Heldentum und Herrlichkeit - demgegenüber "das Judentum" als unterlegen betrachtet wird. Zugleich ist der christliche Antijudaismus rassistisch, weil er die ideologische Basis für Antisemitismus und die grausame Verfolgung der Juden als "Rasse" und deren Vernichtung im Holocaust bereitet hat.
Mit dem Blick auf die Geschichte der Verfolgung des Judentums über mehr als fünfzehn Jahrhunderte hinweg bis zu dessen Eskalation in der Hitler-Zeit kann der Antijudaismus für feministische Theologinnen nur zutiefst suspekt sein. Denn Feminismus wendet sich radikal gegen jede Form der Unterdrückung und Diskriminierung des Menschen. Andererseits sind christlich erzogene Frauen dem abendländischen Bewußtsein verhaftet, das noch kaum begonnen hat, seine antijudaische Tradition zu hinterfragen.







Wenn Feministinnen glaubwürdig bleiben wollen, gilt es, den christlichen Antijudaismus als Hintergrund der eigenen Befindlichkeit in dieser Welt bewußt zu machen und aufzuarbeiten. Damit ist eine Kulturkritik großen Ausmaßes verbunden: Nicht nur die Geschichte des Christentums, sondern die Gesamtgeschichte des Patriarchats muß überdacht werden.





















.