Sonntag, 15. Januar 2012

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Mittelalterliche Dichter hielten zahlreiche druidische und sonstige vorchristliche mythische Sagen unter dem Deckmantel der "Ritterromane" am Leben, die nach Art der Vedas von Generation zu Generation mündlich überliefert wurde. Frühere Dichter waren Priester der Großen Göttin, die ihnen die Gabe der Inspiration aus ihrem magischen Kessel oder Heiligen Gral verlieh. (Fußnote) Ein Poet war wie ein Seher oder Zauberer in der Lage, mit "Worten der Kraft" umzugehen und mit der Magie des Wortes den Segen der Muse heraufzubeschwören. Mittelalterliche Poeten verehrten die Kunst und die Frauen, begründeten den Kult der höfischen Liebe, waren Sänger der Mansongr, jener 'Frauenlieder', wie die Große Göttin sie liebte; und sie machten sich über die Kirche lustig.
Die Poeten sahen sich offenbar als die enteignete Priesterschaft der Göttin der Liebe (Minne), die die Feindschaft der Kirche auf sich zog. Vor dem 13. Jahrhundert versagte die Kirche den Dichtern die Kommunion und brandmarkte sie als 'Diener Satans'. Später erlangten sie Anerkennung, indem sie biblische oder theologische Motive in ihre Lieder aufnahmen. Allerdings haftete der romantischen Dichtung auch weiterhin der Ruch der Ketzerei an. (Fußnote)
Alte Ritteromane und -balladen schildern die Kleriker als rüde, grobe Kerle, die zarte Damen mißhandelten und selbst gegen ihre Mitbrüder sadistisches Verhalten an den Tag legten. (Fußnote) Den heidnischen Gottheiten gestanden sie einen warmherzigeren Charakter zu. Die Frithjofssaga läßt durchblicken, Christus habe die Liebe verachtet, während der Gott Balder dies nicht tat. In den Tempeln Balders, "des frommen Gottes", konnten Liebende sich treffen, denn: "Ist nicht seine Liebe zu Nanna Teil seiner eigenen Natur, rein und warm?"
Ritterliche Helden mieden meist das christliche Paradies und gingen ein ins irdische, das regiert wurde von der Göttin Morgan oder der Feenkönigin. (Fußnote)
Im Kudrunlied (Gudrunlied) besaß der Dichter mehr magische Kraft als jeder Priester. Wie der Dichter und Erlöser Orpheus konnte er Vögel und Tiere mit Musik bezaubern und sogar Tote auferwecken






... Alte Balladen und Ritterromane schildern eine Gesellschaft, in die Männer sich ständig zur Schau stellen, um die Bewunderung der Frauen zu erregen, fast wie die Männchen bei Vögeln und vielen anderen Tierarten vor den Weibchen balzen. Die nordischen Skalden erklärten, was Männer tun, diene dazu, die Damen zu beeindrucken. Wenn die Frauen zusahen, gaben sie ihren Pferden die Sporen, damit "die Damen und Mädchen bereitwillig aufschauen, wen wir vorrüberreiten". Geoffrey of Monmouth schrieb, die Edeldamen seien um ihres Reichtums an Geist und Witz verehrt worden und hätten "niemanden ihrer Liebe würdig gehalten, der seine Tapferkeit nicht in drei verschiedenen Kämpfen unter Beweis gestellt hatte". (Fußnote)







... Eine Zeitlang nahmen es gewisse Ritterorden auf sich, die bedrohten Frauenrechte im Namen der großen Göttin zu verteidigen. Aus dieser Epoche stammen romantische Geschichten von Rittern, die 'Frauenburgen' vor Räuberbaronen retteten, die ihnen ihren Besitz genommen hatten. Um das 12. Jahrhundert, als die Kirche begann, ihre Gesetze mit den Zähnen der Inquisition durchzusetzen, verlagerte sich der Schwerpunkt von der Verteidigung der Frauen auf die Verteidigung der Kirche. Sir Parzifal oder Parzival war das typische Beispiel des heidnischen Helden, der schließlich zum Christentum übertrat und den Frauen entsagte.
Zunächst war er ein Meister der Liebe; später wurde er 'geläutert', schließlich schrieb ein kirchlicher Schriftsteller über ihn: "Er galt damals als einer der Männer der Welt, die am tiefsten an Jesus Christus glauben, und davon gab es nur wenige, denn in jenen Tagen schonte der Sohn den Vater so wenig wie einen Fremden." Parzival macht sich auf, "eine Edelfrau, die enterbt worden ist", zu retten, doch inmitten dieses Abenteuers wandelt sich seine treue Ergebenheit, und er brandmarkt sie als Verführerin und Hexe. (Fußnote)







Die romantische Dichtung offenbart den ständigen Konflikt zwischen der liebesorientierten Philosophie der Minnesänger und der liebesfeindlichen Haltung der Kirche. Der Klerus erklärte, Liebende seien "lasterhaft", weil sie Gott vergäßen und die geliebte Frau zur Göttin erklärten. Ein Priester behauptete, die Barden "lieben in sündiger Weise Frauen, die sie zu Göttinnen erheben" und das sei dasselbe, wie den Satan zu lieben.
Huizinga bemerkte: "Vom geistlichen Leben erklingt der Fluch über alles, was Liebe ist, als der Sünde, die die Welt verdirbt."








Barbara G. Walker,
Das geheime Wissen der Frauen. Ein Lexikon
Holdenhof - Mediathek
















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