Samstag, 14. Mai 2011















Welt Online: Wie wurden Sie behandelt?


Avey: Unsere Wächter gehörten zur Wehrmacht und waren weniger brutal und sadistisch als die SS-Männer. Im Sinne der Nazis waren Engländer Arier. Das Programm "Vernichtung durch Arbeit" galt nur für die Stripeys.


Welt Online: Was war das Unmenschlichste, was Sie bei Ihrer Arbeit mit angesehen haben?


Avey: Einmal wurde ich zu einer Bahnstation außerhalb unseres Lagers gebracht, um Baumaterial zu holen. Aus Viehwaggons wurden Häftlinge in Zivilkleidung getrieben. Eine Frau hielt ihren weinenden Säugling in den Armen. Ein SS-Mann schrie sie deswegen an.


Als der Säugling weiterheulte, holte der Mann aus und rammte dem Baby seine Faust ins Gesicht. Das Baby war sofort tot. Ich erbrach mich beinahe vor Entsetzen. Ein anderes Mal stand beim Kabelverlegen ein junger Jude neben mir, vielleicht 18 Jahre alt.


Ein SS-Offizier schlug ihm so lange ins Gesicht, bis er fast tot war. Ich weiß nicht, was über mich kam, aber ich brüllte den SS-Mann auf Deutsch an: "Du verfluchter Untermensch!"


Mir war klar, dass für einen Nationalsozialisten "Untermensch" die allergrößte Beleidigung war. Er hämmerte mir seinen Pistolengriff aufs rechte Auge, und ich verlor das Bewusstsein. Nach dem Krieg entwickelte sich in dem verletzten Auge Krebs. Seither habe ich ein Glasauge.



Welt Online: Sie waren mit rund 1000 alliierten Kriegsgefangenen im Lager E715 untergebracht. Wussten Sie, dass sich in Ihrer unmittelbaren Nähe das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau befand, in dem mehr als eine Million Menschen ermordet wurden?



Avey: Nein. Bei Westwind kroch einem ein widerlicher süßlicher Gestank in die Nase. Er kam aus Schornsteinen, die einige Meilen entfernt standen. Dass sie zu Krematorien gehörten, in denen Menschen verbrannt wurden, wussten wir nicht.
















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