Sonntag, 4. April 2010

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Ich bin Tamar - Eine Aretalogie





"Von griechisch Arete = Tugend, Tüchtigkeit, Selbstrühmungshymne einer Göttin oder eines Gottes; Hymne in der Ich-Form. Ich wähle bewußt die Form der Aretalogie. Diese kultische Sprechweise kommt bereits im prädynastischen Ägypten vor. Die Göttin Neith rühmt sich selbst: "Was da ist, was da sein wird und was gewesen ist, bin Ich. Meinen Chiton hat keiner aufgedeckt. Die Frucht, die Ich gebar, war die Sonne." Die Göttin sagt: "Ich!" Mit dieser auf matriarchalen Vorbildern beruhenden Gedichtform widerlege ich die Behauptung der Kulturpsychologen, wonach die matriarchale Psyche kein Ich-Bewußtsein gehabt habe.





Ich habe Tamar nicht gesucht. Sie ist auf mich zugekommen. Die Strophen von Genesis 38, Kommentare, die mir der Zu-Fall in die Hand spielte. Studentinnen, die sich die Frauen der Bibel zum Thema gewählt hatten und sich an unbeantwortbaren Fragen wundrieben, das alles wurde mir zur Herausforderung, Tamar wiederzuent-decken, ihre matriarchale Göttinnengestalt zu er-innern, denn ihr Bild wollte ausgetragen und wiedergeboren werden.
Die Erinnerung an die Palmengöttin ist im Laufe der christlich-abendländischen Kulturentwicklung verdrängt worden. Tamar und ihr Kulttier, den Steinbock, von der Überlagerung durch das patriachale Bewußtsein zu befreien, ist für mich eine langwierige und mühsame Arbeit gewesen. Die Widersprüche in den biblischen Texten und das intuitive Erspüren weiblicher Lebenszusammehänge führen zu den überlieferten Bildern und Texten von der Baumgöttin, vom Lebens-baum, in dem die Himmelsgöttin allgegenwärtig ist, lassen uns Tamar, die Große Göttin, wieder lebendig werden. Die kreative Phantasie von Frauen ist fähig, ihre Gestalt, ihren Charakter, ihre Kultgeschichte zu er-innern.
Die Analyse der biblischen Legende befreit Tamar von ihrem patriachalen Charakter unterworfener Weiblichkeit. Sie ist wieder die Urgöttin. Und Frauen, die sich mit ihr identifizieren, finden zurück zu ihrem Recht, frei über sich selbst zu verfügen. Die schöpferische Kraft eines von den verordneten Denkzwängen befreiten Bewußtseins macht die weiblichen Urbilder lebendig und verwurzelt uns Frauen in einer Vergangenheit, in der wir eine Heimat haben. Der Ursprungsmythos von Tamar ist mir lebendig geworden wie eine metapatriarchale Er-Innerung. Wo alle Spuren ausgelöscht, vom patriarchalen Weltbild verdrängt, zugedeckt und verschüttet worden sind, nehme ich mir das Recht zu kreativer Er-Innerung. Denn wir müssen unsere verlorene Vergangenheit wiederherstellen, damit wir unseren Töchtern nicht mehr die verordneten Vätergeschichten weitergeben müssen, sondern eigene weibliche Ursprungsmythen erzählen können."
In: Gerda Weiler, Ich brauche die Göttin. Zur Kulturgeschichte eines Symboles.











Ich bin Tamar,
die von Anfang an war.
Bevor die erste Geburt geschah,
Da war Ich.
Ich bin, die Ich bin:
Die Göttin des Ursprungs,
Unzerstörbare Kraft
Seit Weltenbeginn.






Ich bin der Sinn, bin die Weisheit der Schöpfung,
bin Haus, Schutz und Himmelszelt über der Welt.
Aus eigener Vollmacht gebar ich den Mondgott,
Den herrlichen Ger, der das Dunkel erhellt.






Ger ist der Hüter des ruhigen Schlafes,
Der Wächter am Himmel, der Liebenden Schutz,
Er tröstet die Seelen und führt sie zum Frieden.
Ger ist das Zeitmaß, das wachsende Licht.






Ger ist mein Sohn, ist Mein Bruder, Mein Alles,
Der Steinbock ist Er, auf der Höhe der Kraft.
Ger ist der Starke, der Held seiner Mutter,
Er ist mein Geliebter, Mein Augenstern.






Ger gab Ich Leben in herrlichster Blüte;
Ger ist die Saat und das Korn und die Frucht,
Ger muß wieder altern, wird welken und sterben.
Ger ist das Siechtum und Ger ist der Tod.






Ich führe ihn in die Höhle Adullam,
Ins Dunkel zum Todesort unter der Welt.
Ich will ihn erretten nach drei schwarzen Nächten:
Mein bleibt das Geheimnis der Wiedergeburt.






Ich bin die Göttin, die Herrin des Himmels,
Die uranfängliche Mutter des Lichts.





Ich bin seit ewigen Zeiten die Eine:
die Mutter der Sonne, die Herrin des On.






Im Osten geboren, ist On noch ein Knabe,
On ist der Mittag im steigenden Licht,
On ist die Kraft und der Liebling der Frauen,
On altert und stirbt, wenn er untergeh'n muß.






Ich bin Tamar, die Herrin der Zeiten,
Ich regele Tage, Monat und Jahr,
Auch gebot Ich den Wolken, am Himmel zu ziehen
Und Regen zu spenden über dem dürstenden Land.






Ich bin die Mutter der leuchtenden Sterne
Und weise ihre nächtliche Bahn.
Ich kenne das Gestern und weiß um das Morgen,
Ich bin das Heute, die Zukunft bin Ich.






Ich bin Tamar, die Herrin des Meeres,
Das alles feste Land umfließt.
Gnade gab ich den fruchtbaren Tälern.
Ich schuf das judäische Hügelland.







Ich ließ die ewigen Wasser des Lebens
Den Spalten der Felsen entspringen:
Vom Hermongebirge
Herab fließt der Jordan
Mit unversiegbarer Kraft.
An seinen Ufern
Erblüht die Wüste
Zu fruchtbarem Land.






Ich schlug mit der Hand
An den Fels von Engedi
Und lockte sprudelnde
Quellen hervor.






Ich schuf die Oase inmitten der Wüste;
Die Palme wächst dort mit mächtigem Haupt,
Irdisches Abbild des ewigen Himmels,
Zeichen meiner Göttinnenkraft.






Töchter gebar Ich nach meinem Bilde
und verlieh ihnen heilige Göttinnenkraft.
Sie sind beauftragt, mich zu verehren:
Denn jede Frau ist auch Priesterin,






Die meine Ordnung auf Erden verwirklicht
Und Mein gedenkt im Rhythmus der Zeit.
Sie wird meine Liebe mit Liebe vergelten,
Wird schützen und schonen das Werk meiner Kraft.






Ich lehrte die Frauen, Mir Lieder zu singen
Und Pauken zu schlagen zum kultischen Fest,
Unterwies sie im Spiel der Sistren und Flöten
Un war ihnen nah im ekstatischen Tanz.






Ich bin Tamar. Ich schuf die Menschen:
Shela, Perez, Serach und Kain,
Damit sie die Erde in Frieden verwalten,
Gab ich ihnen Wohnung, Heimat und Land.






Ich lehrte die Menschen, Feldfrucht zu pflanzen,
Ölbäume zu züchten und köstlichen Wein.
Ich lehrte sie, in den Gestirnen zu lesen,
Ich erdachte die Sprache und formte die Schrift.






Ich wählte die Könige, weise zu handeln.
Den kunstvollen Städtebau lehrte ich sie.
Sie bauten Mir kultische Palmenstädte
Zu Meiner Ehren, der Göttin zur Lust.






Ich liebte den Fürsten, den Herrn von Adullam,
Und gab ihm das Priesteramt in dieser Stadt.
Wo einst Ich dem Mondgott das Leben gegeben,
Preisen die Frommen nun Mutter und Sohn.






Dort, wo die Quellbäche zwiefach entspringen,
Baute der Fürst die Stadt Enajim,
Er ordnete an, daß Engedi entstünde,
Er baute den Tempel zu Ehren des Ger.






Ich bin Tamar, die Herrin der Menschen.
Mir Tempel zu bauen, lehrte Ich sie,
Zu schmücken die Wände mit Palmlaub und Lilien,
Mit kunstvoll gerichtetem Gitterwerk,






Dran Hunderte schöner Granatäpfel hängen,
Kultäpfel der Liebe, Heilige Frucht,
Gabe der Priesterin an ihren Liebsten
Am Tage der Hochzeit, zum Heiligen Fest.






Ich lehrte die Menschen, mit Feuer zu schmieden,
Symbole zu schaffen zum Gleichnis der Welt,
Die Schöpfung in Bildern sich faßbar zu machen,
die Welt zu begreifen als Werk Meiner Hand.






Ich bin Tamar, die Mutter des Lebens,
Die Weisheit des Kosmos, die Seele des Alls.
Ich bin die Ordnung, der Sinn und die Liebe,
Ich bin die Wahrheit, ich bin die Kraft.






Ich bleibe in ewiger Wandlung die Eine:
Bin Jungfrau, Geliebte und Mutter zugleich.
Lebenden bin ich Weg, Ziel und Weisung,
Sterbenden schenke ich Hoffnung und Trost.














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