Dienstag, 23. März 2010

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"Wieder einmal kam mein Stiefvater angereist und schlug mich grün und blau, wozu den Ehrwürdigen Damen offensichtlich die Kraft fehlte. Nur der Stock und das Gästezimmer wurden zur Verfügung gestellt. Und das Krankenzimmer danach, in dem ich so lange "verweilen" durfte, bis die Flecken nicht mehr zu sehen waren.
Sollte ich, wurde mir dort eingebläut, meinen Mitschülerinnen von den Vorfällen erzählen, so würde man mich auf der Stelle rauswerfen.
Ich erzählte nichts. Jahrzehntelang nicht. Bis heute nicht.
Dass ich nicht einmal wusste, wieso ich überhaupt geschlagen wurde, erwies sich eines unschönen Tages. Ich sah meinen Stiefvater und eine Nonne im Hof stehen und rannte. Einfach weg, irgendwohin ... Er sollte mir aber nur ein Stofftier bringen, weil ich Geburtstag hatte.
Kurz danach legten die Ehrwürdigen Schwestern meiner Mutter nahe, mich aus dem Pensionat zu nehmen, weil ich dumm wäre und ohnedies nie eine Matura schaffen würde. Ich kam in eine Hauptschule - fest von meiner Dummheit überzeugt und mehr noch davon, nichts als ein Stück Dreck zu sein.
Unterdessen absolvierte ich zwei Studien an der Musik-Uni Wien, bekam den Abgangspreis und eine Anstellung ebendort, lebte zugleich meine "Verworfenheit" im internationalen Konzertbetrieb aus und bin habilitierte Universitätsprofessorin. Aber der Weg zwischen Uni und Gosse war schmal. Sehr leicht landet in Letzterer, wem eine heilige Erziehungsanstalt so viel Selbstwertmangel einimpft."












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