Donnerstag, 10. September 2009

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'Nur einen Monat nach Coco wird Staatsanwalt Vittorio Occorsio in Rom erschossen - ausnahmsweise im Namen der neofaschistischen Organisation Ordine Nuovo. Der als 'Killer der P2' bezeichnete Täter Pierluigi Concutelli wird später für diesen Mord zu lebenslanger Haft verurteilt. Die Neofaschisten stellen in ihrem Bekennerschreiben diese Tat als einen Racheakt dar, als einen 'Angriff auf den Staat'. Schließlich war es Staatsanwalt Occorsio, der das Verbot von Ordine Nuovo und Avanguardia Nazionale ausgesprochen hatte. Doch selbst hier taucht hinter dieser Logik eine andere auf. Occorsio hatte nicht nur über Ermittlungen zum Plan Solo, dem Putschplan des Generals de Lorenzo von 1964, Interna des Geheimdienstes SIFAR erfahren. Wie es Jahre später in den Parlamentskommissionen zur P2 zur Sprache kommt, hatte er auch zu merkwürdigen Verwicklungen zwischen Entführungen der so genannten 'anonima sequestri' (= anonyme Entführungen) mit Freimaurerlogen, Neofaschisten und Geldwäschern ermittelt. Just zwei Tage vor seiner Ermordung hatte Occorsio hierzu den in der Öffentlichkeit seinerzeit wenig bekannten, der CIA ergebenen P2-Chef Licio Gelli zur Anhörung in sein Büro geladen.
Die Annahme liegt auf der Hand, dass der 'Killer der P2' unter der Deckung des Rachemotivs von Ordine Nuovo einen für die Machenschaften der Geheimloge Licio Gellis unbequemen Ermittler ausgeschaltet hat.
Coco und Occorsio sind die ersten Staatsanwälte, die von Terroristen erschossen werden. Neun weitere Exekutionen von Staatsanwälten im Namen des Linksterrorismus folgen in kurzer Zeit.





Italienische Zeithistoriker haben Parallelen zur Bundesrepublik gezogen, was die doppelte Logik in der Ermordung von Staats-anwälten betrifft, die die Machenschaften der Geheimpolitik zu stören beginnen. In den deutschen 'Bleijahren' wird am 7. April 1977 in Karlsruhe Bundesstaatsanwalt Siegfried Buback von einem Terroristenkommando erschossen.
Da Buback eine wichtige Rolle im seinerzeit laufenden Verfahren gegen die Rote Armee Fraktion spielt, kann er von Linksterroristen unschwer zum 'Volksfeind' deklariert werden. Doch Buback ermittelt auch zu den äußerst brisanten Umständen, die zum Sturz des sozialdemokratischen Bundeskanzlers Willy Brandt, Initiator der beargwöhnten Ostpolitik, geführt haben. Brandt sah sich genötigt zurückzutreten, als sein Sekretär Günther Guillaume als DDR-Spion entlarvt wurde. Buback war nun - so die italienischen Zeithistoriker - während seiner Ermittlungen möglicherweise darauf gestoßen, dass die westdeutschen Geheimdienste - wie in Italien von den Amerikanern gesteuert - schon lange über die Rolle Guillaumes Bescheid wussten, jedoch zögerten, seine Doppelrolle auffliegen zu lassen, um zum richtigen Zeitpunkt die Wirkung des Rücktritts zu erzielen. Eine Verzögerung, die Willy Brandt selbst gesehen und scharf kritisiert hat. (Fußnote) Brandt wurde dann durch den rechten Sozialdemokraten Helmut Schmidt, einem den atlantischen Strategen weitaus genehmeren Bundeskanzler, ersetzt. Doch welcher Art die Geheimmanöver in Deutschland auch sein mögen, für die italienischen gibt es handfestere Beweise.





Geständige Rotbrigadisten weisen auf interessante Aspekte der Rolle Morettis in den Roten Brigaden hin. Ab 1974 sei er der ent-scheidende im Einsatz stehende Kontaktmann gewesen, der - aus Sicherheitsgründen - alle Kampf- und Einsatzanweisungen der 'Zentrale' an die kleinen, voneinander isolierten örtlichen Einheiten weitergab - eine Zentrale, die für die Basis der Rotbrigadisten immer im Dunkeln blieb. Einiges deutet darauf hin, dass damit die nicht nur die italienischen, sondern auch die für den internationalen Linksterrorismus zuständige Hyperion-Schule gemeint ist.







Die Hyperion-Schule




Offiziell ist die in einem gediegenen Gebäude im Quai de la Tournelle 27 in Paris, nicht weit von Notre-Dame gelegene Hyperion-Schule ein Zentrum für Sprachunterricht. Doch bald finden italienische Ermittler heraus, dass hier Linksextremisten aus ganz Europa ein und aus gehen und die Sprachenschule offenbar nur Tarnung für ein Koordinationszentrum internationaler Terrorakte ist.
Schon in seinem Aufsehen erregenden Interview in der Zeitschrift 'Il Mondo' von 1974 macht Andreotti Andeutungen zu einer Zentrale in Paris.
"Ich bin bis heute überzeugt davon, dass es eine äußerst wichtige Zentrale gibt, die die Aktivitäten des Terrorismus auch auf europäischer Ebene koordiniert. Wahrscheinlich unter der Signatur eines revolutionären Organismus."'









Aus:
Regine Igel, Terrorjahre








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