Dienstag, 26. Mai 2009

.






sueddeutsche.de: Sie haben selbst einmal eine Reihe typisch männlicher Eigenschaften formuliert. Dazu zählten Sie Härte, Durchsetzungskraft, Gefühllosigkeit, Risikofreudigkeit. Diese passen gut zu dem Bild eines erfolgreichen Bankmanagers. Ist diese Krise männlich?




Mitscherlich: Das sind nur Eigenschaften, die wir traditionell unter typisch männlich verstehen. Zugespitzt hat das Hitler mit der Parole: "Flink wie Windhunde, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl." Wir müssten unser Verständnis ändern, und diese Attribute nicht mehr als positiv darstellen. Natürlich ist manchmal eine gewisse Härte angebracht - aber doch nicht, wenn es auf Kosten der Humanitas geht. Männer sollten lernen, auch Eigenschaften zu leben, die man in der Geschichte als typisch weiblich angesehen hat.





sueddeutsche.de: Von welchen Eigenschaften sprechen Sie?





Mitscherlich: Ich möchte mir wünschen: Humor. Meinetwegen auch Trauerfähigkeit in dem Sinne, dass man die Verletzungen wahrnimmt, die man anderen zugefügt hat. Männer müssen vor allem erkennen, dass sie Menschen sind. Dann werden sie auch andere eher als gleichwertig ansehen. Empathie ist auch bei Männern eine Tugend. Die in diesem Sinne "Verweiblichung" der Männerwelt ist existenziell für unsere gemeinsame Zukunft. Wer Schwächere nicht achtet, wer ihnen nicht zu helfen versucht, sondern bekämpft, merkt gar nicht, dass er damit ein Klima schafft, in dem auch er umkommen wird.





sueddeutsche.de: In der Welt der Manager, im Finanzsektor, sind die "harten" Männer bislang fast unter sich. Wäre diese Krise nicht entstanden oder anders gekommen, wenn mehr Frauen in verantwortlichen Positionen wären?






Mitscherlich: Das kann man nur durch Erfahrung herausfinden. Dann lassen Sie uns mal sagen: "Männer, jetzt lasst uns mal ran!" (lacht) Im Ernst: Wer von den Frauen hätte schon Lust, das ganz alleine zu machen?







.