Montag, 23. März 2009

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Diese Zitate passen sehr gut ins ISLA-Blog. Daher hier ausnahms-weise so viel fremder Text aus Götz Aly, Essay, Gegen den Muff von 40 Jahren:





"Mit zwei Koitusszenen stellte der Film "Das Schweigen" von Ingmar Bergmann den gültigen Sittenkodex massiv in Frage. Die Bundesprüfstelle ließ den Film im Namen der künstlerischen Freiheit 1964 ungekürzt passieren, elf Millionen Deutsche gingen hin. Zum fröhlicheren Liebesleben ermunterte nicht Rainer Langhans, sondern der 1928 geborene Journalist und Filmemacher Oswalt Kolle. Sein Film "Wunder der Liebe" enthielt schlichte Hinweise, wie sich die zumeist mit einer milchigen Deckenlampe beleuchteten, ungeheizten und sehr kärglich eingerichteten Schlafzimmer gemütlicher gestalten ließen. Den unmittelbar Beteiligten, namentlich den Männern, legte Kolle nahe, wie sich einseitige Glücksminuten zu beidseitigen glücklichen Stunden erweitern ließen und regte an, Dies oder das experimentell herauszufinden. Angesichts der von 68ern geprägten Männerparole "Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment" darf Oswalt Kolle vorbehaltlos zu den aufgeklärten Humanisten der frühen Bundesrepublik gezählt werden."





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'Hannah Arendt hielt einem weltrevolutionär erregten jungen Deutschen Ende 1967 trocken entgegen: "Keine Frage, es geht uns an, wenn in Persien, Vietnam und Brasilien 'unwürdige Zustände' herrschen, aber es liegt wahrhaftig nicht an uns. Das, scheint mir, ist eine Art umgekehrter Größenwahnsinn. Probieren Sie einmal, Politik in Persien zu machen, und Sie werden rasch davon geheilt sein. […] Worauf es politisch ankommt, ist limitiert denken lernen."'






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"Sibylle Lewitscharoff beschreibt, wie "um 1970" revolutionäre Kader aus Frankfurt in die schwäbische Provinz ausschwärmten, um Schüler, gerne auch Schülerinnen für die Revolution zu rekrutieren: "Einer sah aus, als wäre er einem Anarchistenzirkel zu Dostojewskis Zeiten entsprungen und hätte sich seither nicht mehr gewaschen, ein dickliches, schwer bebartetes Männchen mit rollenden Glühaugen. Daneben ein total verlederter Politmann, Briefträger von Beruf, Kopf wie ein abgeschlecktes Ei, die Schreckensassoziation drängte sich auch deshalb auf, weil er vor jedem Satz mit der Zungenspitze prüfend in die Mundwinkel fuhr. Nicht zu vergessen die kalten Kommissare, technoide Büromänner mit Waffenkenntnissen, die in der umliegenden Stuttgarter Provinz mit Entjungferungsauftrag unterwegs waren, um der Bewegung neues Material (ehrlich, es hieß so) zuzuführen."

(Sibylle Lewitscharoff, So superverfolgt und supergeheim. Schwatz-schwatz, meistens ernst, selten witzig, SZ, 10.1.2009)





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Schließlich zitiert Reiche die 1969 vom "Zentralrat der sozialistischen Kinderläden" in Westberlin herausgegebene Schrift, in der die Arbeit von Anna Freud und Sophie Dann über sechs Kinder abgedruckt ist, die im KZ Theresienstadt im Alter zwischen sechs und zwölf Monaten von ihren Eltern getrennt wurden und überlebten. Die Männer und Frauen vom Zentralrat denunzierten die Autorinnen des Berichts als "bürgerlich-affirmative Wissenschaftler", betrachteten die Lebensjahre, die jene Kinder im KZ hatten zubringen müssen, als "Versuch einer kollektiven Erziehung", und fragten: "Ist das kollektive Verhalten der sechs Kinder eine Bereicherung der menschlichen Beziehungen?" Es folgte, man glaubt es kaum, ein glattes Ja.



Während Freud und Dann die schweren Traumata, die psychischen und physischen Entwicklungsstörungen der Kinder penibel beobachteten und dokumentierten, betrachteten die im Zentralrat organisierten jungen Deutschen Theresienstadt als Experimentierfeld"







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