Samstag, 20. Dezember 2008

Okkultismus?

"Genausowenig wie matriarchale Spiritualität eine Religion ist, ist sie dasselbe wie der alte und neue Spiritualismus, wie er sich in fernöstlichen Denk- und Lebensweisen manifestiert und als esoterische, okkulte bis obskure Unterströmung auch im 'christlichen Abendland' stets vorhanden war und heute in diversen Sekten vorhanden ist.
Ich unterscheide die matriarchale Spiritualität schon vom Wort her vom Spiritualismus nicht ohne Grund. Der Spiritualismus ist von einem strikten Dualismus zwischen Geist und Körper geprägt, wobei dem Geistigen, Übersinnlichen, Spiritistischen absoluter Vorrang eingeräumt wird. Das kennzeichnet ihn als Produkt der Kulturen, aus denen er stammt, nämlich patriarchalen Kulturen. Das gilt sowohl für den indischen und fernöstlichen Spiritualismus wie für den europäischen Okkultismus. An dieser Tatsache ändert nicht, daß beide Strömungen massiv aus dem matriarchalen Erbe der jeweiligen Vorgänger-Kultur geschöpft haben und noch nach Jahrtausenden davon zehren. Zum Beispiel schöpfte der indische Spiritualismus aus dem Erbe der vorarischen Induskultur, der ältesten auf indischem Boden überhaupt (Harappa und Mohenjo-Daro). In Europa schöpfte der Okkultismus aus hellenistischen Geheimkulten (Demeter-Mysterien, Kybele-Kult, Isis-Kult, Orphiker), die sich alle auf noch ältere matriarchale Kulturen in Ägypten, Kreta, Kleinasien und Griechenland zurückbeziehen.



Die Folge war, daß in diesen spiritualistischen und okkultistischen Lehren der Frau mit ihren göttlichen Kräften - neben den männlichen Göttern - überhaupt noch ein Platz gelassen wurde. Das erklärt ihre Anziehungskraft auf Frauen angesichts der trostlosen Frauen-feindlichkeit der offiziellen patriarchalen Religionen.
Aber diese Anhängerinnen übersehen dabei die typisch patriarchale Verzerrung selbst noch in dieser Übernahme, die sich im Dualismus zwischen Geist und Körper manifestiert, wobei das Geistige (männlich) gegenüber dem Körperlichen (weiblich) absoluten Vorrang hat. Das zementiert die übliche Wert-Hierarchie, nach der der männliche Gott, Geist, Guru das männliche Prinzip, der männliche Wert stets oben rangieren und jede weibliche Erscheinungsform diesen gnadenlos untergeordnet wird. Spirituelle Erfahrungen und magische Praktiken werden auch hier als Mittel mißbraucht, Macht und Einfluß über andere Menschen - besonders Frauen - zu gewinnen. Es ist immer dieselbe Sucht nach Über-Macht.



In der matriarchalen Spiritualität konzentrieren wir uns dagegen darauf, in gemeinsamen symbolischen Handlungen die persönliche, innere Macht jeder einzelnen, ihre Vitalität, ihre Lebensfreude, ihre Innen-Macht zur vollen Entfaltung zu bringen. Innen-Macht ist die Macht der Frauen, aus der sie wirken, ohne zu herrschen und ohne sich länger beherrschen zu lassen.
Im Spiritualismus dagegen, so menschen- und frauenfreundlich sich seine 'vergeistigten' Führer auch geben, läuft es wieder auf den Mißbrauch von spirituellen Bedürfnissen und Fähigkeitenn für persönliche Herrschaft und Bereicherung hinaus.
Die matriarchale Spiritualität, wie ich und andere denkende Frauen sie vertreten, mit diesen Dingen in eine Reihe zu stellen - nur weil hier wie dort dieselben Symbole oder ähnliche Techniken verwendet werden - ist grotesk.



Ein solcher Vorwurf ignoriert, daß matriarchale Spiritualität auf ein autonomes Selbstbewußtsein von Frauen, auf einen nicht-hierarchischen, egalitären Umgang miteinander gegründet ist, bei dem obendrein nicht die Ausschaltung des Intellekts zugunsten psychischer Blähungen angestrebt wird, sondern die lebendige Verbindung zwischen Geist und Psyche und körperlichem Ausdruck, um jede einzelne von uns zu einer ganzen, heilen Persönlichkeit werden zu lassen."



Aus:
Heide Göttner-Abendroth, Für die Musen. Neun Essays, Zweitausendeins



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