Dienstag, 16. Dezember 2008

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Fremdheit als Erfahrungsraum


"Koloniales Sprechen bewegt sich in einer ganz anderen Sphäre: Es kommt von jemandem, der alles schon im Voraus weiß, alles besser und mehr weiß und der, nach dem Kulturkanon der mächtigen Nationen, eine bedeutendere Sprache aufweist. Zuhören ist bei dieser Einstellung nicht notwendig und alles, was die Menschen anderer Sprachen wissen, ist uninteressant. Tzvetan Todorov beschreibt diese Haltung sehr zutreffend in seinem Buch "Die Eroberung Amerikas", wo Christoph Kolumbus der Prototyp dieses kolonialen Sprechens ist. Er fragt nie, wenn er zu irgendeinem unbekannten Ort kommt, wie dieser Ort von den Einheimischen genannt wird, sondern tauft ihn gleich neu, natürlich mit Namen aus der Heilsgeschichte der Bibel. "Da er selbst keine Muttersprache eigentlich hat, sondern ein typischer Polyglott ist, der viele Sprachen zwar kann, aber nicht gründlich" - das ist jedenfalls die Behauptung von Todorov - hat er auch für die Muttersprache anderer Menschen kein Verständnis. Die Vorraussetzung für Verstehen, die Bereitschaft dem Anderen zuzuhören und die Fähigkeit das Nicht-Verstehen in Rechenschaft zu stellen, ist nämlich das Ergebnis der Erfahrung in der eigenen Muttersprache.


Wer nämlich eine Muttersprache besitzt und die tiefe Notwendigkeit dieser grundlegenden und gefühlsmäßig dichten Sprache erkennt, empfindet die Bindung, die durch diese Sprache entstanden ist und hat deshalb Achtung vor der Muttersprache eines anderen Menschen, wenn sie auch noch so verschieden ist. Italien ist dafür ein gutes Beispiel: Man kann sagen, dass Italiener nicht polyglott sind, dass sie aber, da sie ihre eigene Sprache über alles lieben, auch Verständnis dafür haben, dass andere auch ihre eigene Sprache sehr lieben. Daraus entsteht oft die Achtung vor den fremden Menschen, auch wenn dies nicht immer zu gelungenen politischen Konzepten führt.


Sprache kann nur aus einer Beziehung entstehen."





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