Samstag, 19. Juli 2008

Der Abgrund alles Weiblichen

"In der letzten Instanz aber verbirgt sich hinter den okkulten Mächten des Anti-Grals, wie könnte es bei Evola anders sein, als das mysterium occultissimum der Abgrund alles Weiblichen. Es ist die Dame Orgelluse (oder Kundry), die Personifikation des luziferischen Stolzes, gegen die die Ritter des Heiligen Grals letztendlich antreten müssen, aber in diesem Fall nicht mit dem 'Schwert', sondern durch 'Enthaltsamkeit'. Erst die Askese gegenüber den Verführungen des Weibes gebe dem neuen Gralskönig die Kraft, seinen 'ritterlichen Kampf' in den 'großen heiligen Krieg' zu transformieren. 'Der Sinn dieser Übung ist es, eine reine Kraft zu verwirklichen, eine spirituelle Männlichkeit, die kriegerische Eigenschaft auf einer olympischen, königlichen, solaren Ebene, auf einer Ebene, aus der jegliche chaotische Kraft verbannt ist'" (S. 262f).



Evolas drei "Mantren" aus L'uomo come potenza lauten: "Ich habe den Willen!", "Ich bin Macht!" und "Ich kann alles, was ich will!" (S. 251). Es gibt eine schöne Stelle in Peter Reichs Erinnerungen an seinen Vater, die den ganzen Unterschied zwischen dem "weichleibigen" Reich und dem "virilen Heroismus" eines hartleibigen faschistischen Kämpfers wie Evola schlaglichtartig beleuchtet. An der besagten Stelle spricht Reich zu seinem Sohn Peter über die gepanzerten Kshatriyas: "Und die Art, wie sie etwas leisten oder durchsetzen, ist ebenfalls hartleibig. Erinnerst du dich an den Film mit John Wayne, in dem er stürzt und zum Krüppel wird? (...) Du weißt, als er im Bett saß, auf das Ende seines Gipsverbandes schaute und seine Zehen beobachtete, beschloß er, wieder gehen zu lernen. Und er sagte immer wieder zu sich: 'Ich muß diesen Zeh bewegen. Ich muß diesen Zeh bewegen.' Schau, das ist die starre, die verkrampfte Art, Dinge zu überwinden. (...) Hindernisse und Behinderungen in dieser Weise zu überwinden, durch Gewalt, durch sogenannte Willenskraft (...) das ist die starre, verkrampfte, mechanistische Art, Leistungen zu vollbringen. Er mußte sich so anspannen und verhärten, sich selbst mit aller Gewalt dazu zwingen, wieder gehen zu lernen, daß er darüber vergaß, wie man liebt und freundlich ist. (...) Am besten ist es, einfach zu atmen, sich zu entspannen und es auf natürliche Weise kommen zu lassen. Erzwinge nie etwas, laß es einfach auf natürliche Weise eintreten, dann ist es immer okay" (Peter Reich: Der Traumvater, München 1975, S. 28f).




Kurze Anmerkung:


Das Böse ist das Chaos, welches es zu verdrängen und beseitigen gilt. Das griechische Wort "Chaos" heißt auch "klaffende Wunde" und "kann als der gebärende Schoß eines als weiblich verstandenen Universums aufgefaßt werden. Wenn Hesiod in seiner Theogonie schreibt, im Anfang war das Chaos, dann könnte auch gemeint sein: Im Anfang war die Vulva, die kreißende Göttin. Die Identifikation von Leben und Göttin ist nicht nur in fast allen alten Mythen zu finden, sondern auch noch in frühen gnostischen Schriften und Sophia-Mythen." (Annegret Stopczyk-Pfundstein, Sophias Leib. Der Körper als Quelle der Weisheit)