Montag, 21. Januar 2008

«Es gibt keinen Zwang im Glauben.»

Zurück zur Scharia - oder vorwärts zu einem zeitgemässen Islam? Ein Gespräch mit der tunesischen Religionswissenschafterin Amel Grami in der NZZ:


Der Koran aus weiblicher Sicht

Sie sind offenbar davon überzeugt, dass eine eigenständige Interpretation der heiligen Schriften aus weiblicher Optik von grosser Wichtigkeit wäre.

Ja. Ich erkläre Ihnen gerne, weshalb. Die klassische Interpretation des Korans ist ein gewaltiges Werk, ein gigantisches Korpus. Diese Schriften stellen eine Referenz dar, auf die sich Forscher und Wissenschafter bei der Auslegung immer wieder beziehen. Aus weiblicher Sicht wurden bis anhin nur einzelne Aspekte angegangen, so etwa die Frage betreffend den Schleier oder die Vorrangstellung des Mannes gegenüber der Frau. Doch es wäre wichtig, den gesamten Koran und nicht bloss einzelne Suren aus weiblicher Optik zu interpretieren. Solange wir es nicht schaffen, all die hochqualifizierten Frauen aus der islamischen Welt, die über den Koran geforscht haben, zu einem gemeinsamen Projekt zusammenzubringen, werden wir es auch nicht schaffen, die herkömmlichen Referenzwerke zu konkurrenzieren und so wirklich etwas in Bewegung zu setzen.

Es geht dabei auch um die «égalité au niveau du savoir», um die Gleichberechtigung im Bereich der Produktion von Wissen. Auch in Tunesien werden Forscherinnen von männlichen Kollegen häufig diskriminiert und ausgegrenzt: Innerhalb von Ministerien und Universitätsinstituten, aber auch, wenn es um die Teilnahme an internationalen Kongressen geht. Ich selber habe das wiederholt und schmerzlich erfahren: Man lädt lieber «Vorzeigefrauen» mit Kopftuch ein, die nicht opponieren und auf der Linie der männlichen Rechtsgelehrten sind.


Halten Sie das Phänomen des «islamischen Feminismus», das Anzeichen einer Bewegung aufweist, für bedeutsam?

Ja, auf jeden Fall. Diese Bewegung wird den jungen Frauen dabei helfen, eine andere, neue Vorstellung von Religion zu entwickeln.